Fahrenplatz:  www.fahrenplatz.de


Inhalt: 1. Allgemeine Ortsangaben


                          2. "Schmidts Steinbruch Steinbergen"-Höhlen

                3.  Ein Schulmädchen erlebt 1943 -1945
                      die Ermordung von Zwangsarbeitern                              
                      in "Schmidts Steinbruch Steinbergen"                          

                4.                               


       1.   Die Siedlung Fahrenplatz am Wesergebirge

"Der Fahrenplatz" ist eine zum Dorf Steinbergen gehörende

Siedlung im Landkreis Schaumburg. Die Ortschaft Steinbergen

gehört zu Kommune 31737 Rinteln an der Weser.

Fahrenplatz liegt an der ins Auetal führenden Landstrasse(L 238).


Die Siedlung erstreckt sich am Nordhang der Wesergebirgskette,

unterhalb des Messingbergs und oberhalb der Aue, des zur Weser fliessenden Baches.



        2.   „SCHMIDTS STEINBRUCH STEINBERGEN“ - HÖHLEN

Ich  beziehe mich auf die Darstellungen des „Alexander von Hofe“ zu einem theoretischen, einem hypothetischen (?) „System von Höhlen“ im, oder unter dem „Schmidtschen Steinbruch“ in Steinbergen. Dass darüber nachgedacht, dass darüber geschrieben worden ist, war mir bisher unbekannt. Für die Zwecke weitergehender historischer Nachforschung, aber gleichermaßen als ein Beitrag zur umfassenderen Würdigung des Schicksal der im „Schmidtschen Steinbruch“ umgekommenen oder besser, ermordeten Zwangsarbeiter, ihrer vermutlich sehr viel größeren Anzahl nämlich, ist es mir ein Bedürfnis, zu dieser „Frage“ etwas beizutragen, womit aus der bisherigen „Hypothese“ vielleicht in nicht zu ferner Zukunft gesicherte Fakten werden mögen.

 

Ich selbst hörte wiederholt (!), konkret zwischen meinem elften und vielleicht dreißigsten Lebensjahr, aus dem Mund meiner Großeltern, LINA und FRITZ EBELING, Steinbergen, „FAHRENPLATZ 47“ (mein Geburtshaus 1955) Berichte,

die sich in ihren Details über die Jahre sukzessive konkretisierten, „Berichte“, die sie oft einander gaben, zu denen ich aber auch wiederholt nachfragte, zunächst aus jugendlicher Neugier, später aus gesteigertem geschichtlichen Interesse:

 

Als im Frühjahr 1945 die Kampflinie dem Auetal – und damit dem „Fahrenplatz“ immer näher rückte (kurz vor dem 11. April), hatte sich im östlich der Siedlung gelegenen, den „Messingsberg“ flankierenden Talkessel des „Tiefenbachs“ auf der südlichen Seite der Autobahn und unmittelbar angrenzend an das Areal des „Schmidtschen Steinbruchs“ eine „Elite“-Einheit deutscher Soldaten verschanzt. Es soll dabei gewesen sein eine Abteilung der „NS-Junkernschule Braunschweig“ unter der Führung eines Feldwebels. Oberhalb des Dorfes Rolfshagen, am Waldrand des Bückeberges soll eine alliierte („amerikanische“) Artillerieabteilung in Stellung gegangen sein, und von dort aus den Talkessel des „Tiefenbachs“ (also jenseits, auf der Südseite der Autobahn) unter heftiges Granatfeuer genommen haben.

„Nach einiger Zeit“ (nachgefragt, wie lange: „zwei, drei Tage“) sei plötzlich „aus Steinbergen“ zum „Fahrenplatz“ gekommen ein „alter SA-Mann“ (der wohl auch Verwandte in Buchholz hatte, er wurde jedenfalls von allen beim Vornamen erwähnt – der mir aber leider nicht mehr einfällt – war also allen ohne Nachfrage bekannt, und als unbedingt weisungsbefugt anerkannt!). Dieser „SA-Mann“, von Haus zu Haus eilend, habe allen am „Fahrenplatz“ anwesenden Frauen und Kindern kommandiert, ihm unverzüglich zu folgen. Er habe den „Auftrag, sie in Sicherheit zu bringen“.

 

Die LINA EBELING, meine Großmutter, berichtete, immer wieder gleich lautend:

Dieser „SA-Mann“ habe sie alle „den (alten) Steinkuhlenweg rauf, über die Autobahn, in den Steinbruch geführt, in eine GROSSE HÖHLE. Dort wären sie alle geblieben (nachgefragt, wie lange: „ja, so über Nacht, und dann noch den Tag, und bis es wieder ganz dunkel war“). Wieder zurück am „Fahrenplatz“, hätten sie keines der Häuser beschädigt gefunden. Von eventuellen Kampfhandlungen, damals, „keine Spur“. „Da waren die Tommies schon vorbei…“     Nur: Unten neben der „Schlingmühle“ stand noch für Wochen ein zerschossener (!) englischer Panzer, der dann von Heinrich Ebeling, dem Onkel des Fritz Ebeling, Ende April 1945 demontiert (Räder, Bleche, Kupferrohre, Lampen – eine noch hier) wurde.

 

Auf meine Nachfragen nach der „genauen Lage dieser HÖHLE“ (die ich doch auf meinen jugendlichen Ferien-Streifzügen zum „Messingsberg“ gern mal zu erkunden wünschte), gab die LINA EBELING nur allein an: „ja, da oben, im Steinbruch“. Durchaus eine verständliche Antwort angesichts der überhasteten Fluch mit Kindern, aber auch weil ja niemand von den dort ansässigen Frauen wohl je zuvor das eigentliche Innere des „Schmidtschen Steinbruchs“ betreten haben dürfte.

Es klang aus ihrer Antwort aber auch Renitenz und schroffe Abweisung.  

Als ich aber den Großvater FRITZ EBELING nach der Lage der HÖHLE fragte, wurde er (nur etwas) konkreter: „Da kann man nicht mehr hin! Die haben das gleich gesprengt, damit da keiner mehr reinkommt!“ Der FRITZ EBELING kannte das gesamte Terrain sehr genau, denn es war ihm schon in seinen jungen Jahren eine Leidenschaft, den „Messingsberg“ kreuz und quer zu durchstreifen. In seiner Antwort sehe ich einen Beleg dafür, dass er (Steinberger Nazi, Kassenführer NSDAP! Bruder August bei der „SS“) die genaue Lage dieser HÖHLE ganz genau kannte, dass er über ihre Beschaffenheit wie auch vielleicht gar über ihren „Zweck“ – und damit auch den „Grund“ ihrer sofortigen Sprengung – durchaus im Bilde war, nämlich zudem als einer der „Getreuesten“ der „NSDAP-Ortsgruppe Steinbergen“.

 

Wie diese HÖHLE beschaffen gewesen sein musste, das ergibt sich daraus, dass sie dieser Gruppe von Menschen, fluchtartig ohne Lebensmittel und Trinkwasser aufgebrochen, doch immerhin über wenigstens zwei Nächte und einen Tag – in völliger Abgeschiedenheit von der Außenwelt, ohne also von Kampfhandlungen draußen (dazu weiter unten!) auch nur einen Laut mitbekommen zu haben – als eine Art sicherer und abgeschlossener „Bunker“ gedient hat! Und man darf davon ausgehen, dass jener „SA-Mann“ ganz genau wusste, WO er diese Gruppe „in Sicherheit“ bringen konnte (oder sicherlich sogar den „Befehl“ dazu hatte?).  

 

Es muss sich bei dieser Gruppe der „Fahrenplätzer“ in der HÖHLE immerhin um wenigstens 30 Menschen gehandelt haben:

Frieda Meier

Anneliese Ebeling („Schorsewäske“) mit zwei Töchtern, Frieda und Ruth

Frau Eckermann mit Tochter Grete und Enkeltochter Marga

Friederike Buchmeier mit Schwiegertochter Emmy (zwei Söhne im Kindesalter)

Anna Möller (Ehemann Heinrich?)

Lina Ebeling mit Tochter und Sohn

Sophie Ebeling mit Tochter Edith und Sohn Wilfried

Else Ebeling mit Tochter Inge

Marie (erblindet) und August (Invalide) Ebeling

Lina Möller (mit Sohn Helmut?)

Sophie Möller mit Sohn Karl-Heinz

Christel Möller mit Tochter Renate (evtl. Schwiegertochter Gertrud?)

Meta Ebeling mit Tochter Anne (und Sohn Otto?) (Heinrich Ebeling?)

die kleine Lydia Lapp mit ihrer Mutter (Name unbekannt)

Henny (Familienname unbekannt) mit Tante Ilse

 

Dies muss berichtet werden, damit der „Frage“ nach der HÖHLE hoffentlich weiter nachgeforscht werden kann.

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Im Jahr 1967 stieß man am „Fahrenplatz“ bei Ausschachtungsarbeiten für eine Zaunabgrenzung beim direkten Nachbarn oberhalb des Hauses „EBELING 47“, nämlich in einem Durchfahrtsweg von der hinauf ins Auetal führenden Landstraße zu den Ackerflächen frei in Richtung Autobahn (in der so genannten „Jazze“ zwischen heute Nummer 2 und Nummer 4), in gerade mal Spatentiefe auf ein immerhin beachtliches Depot an deutscher Infanteriemunition.  Ich selbst war dabei.

In einer Abmessung von ungefähr 50 cm X 200 cm, mit Brettern an den Längsseiten verschalt, lagen hölzerne, mit Blech ausgekleidete und randvoll gefüllte Munitionskisten, daneben noch andere Kampfmittel, die ich aber nicht konkreter benennen kann, weil mir als damals Jugendlichem die einschlägigen Erkennungsmerkmale fehlten. Heute mag ich es interpretieren als Panzerfäuste („90-er“) und Werfer-Granaten. – Man stieß also 1967 auf ein immerhin wohl geordnetes und mit einer gewissen Sicherheit für mehrere Tage oder Wochen angelegtes und verwahrtes, wahrhaft „sehr gut bestücktes“ MUNITIONSDEPOT. Der (an anderer Stelle schon benannte) Heinrich Ebeling („Kürassier“), weil der Rest der Anwesenden ratlos war, ließ „den Schandarmen“ rufen, um das gefundene Depot zu räumen.

 

WOZU hatte „man“ solches genau dort „angelegt“?   So, wie es war, keine Frage!

Ein sorgfältig VORGESCHOBENES TAKTISCHES ARSENAL für den jeweiligen Nachschub an Munition, für den Einsatz von deutschen ELITE-STOSSTRUPPS und qualifizierten „Panzerjägern“! Mit GEPLANTEM Spezialauftrag.

(Denn Soldaten auf der Flucht vor dem nachrückenden Feind werfen Kriegsplunder eilends weg! Sie legen keine sorgfältig gesicherten, fast trockenen Erddepots an!)  

(siehe: Major Alfred Picht, parallel zu seiner Kampfkommandantur der „Aufhaltebefehl“ am Ahrensburger Pass, 06. bis 09. April 1945)

 

WER hat das angelegt? Und WOZU?

Jene „Elite“-Einheit deutscher Soldaten, verschanzt im den jenen „Messingsberg“ flankierenden Talkessel des „Tiefenbachs“ auf der südlichen Seite der Autobahn und unmittelbar angrenzend an das Areal des „Schmidtschen Steinbruchs“!

Vor Artilleriebeschuss gut geschützt im Kessel jenes „vorzeitigen“ Alt-Steinbruchs.

(In welchem bis in die sechziger Jahre deutsch-nationale „Pfadfinder“ ihre jährlichen, streng per Sperre und bissigen Wächtern abgeschotteten „Pfingst-Treffen“ abhielten. Mit nächtlichen Lagerfeuern, Gesängen und Fanfarenklängen. Wer waren die? Warum ausgerechnet dort?)

Diese Lage des Munitionsdepots sodann, zugänglich aus dem „Tiefenbach“ heraus durch dessen (tiefe!) UNTERTUNNELUNG unter dem hohen Wall der Autobahn hindurch, wie wir diese selbst als Kinder noch, als „Mutprobe“, immer wieder ohne Probleme ausprobierten. (Abfluss-Rohr des „Tiefenbachs“! ca. 120 cm hoch)

Für den angenommenen „Stoßtrupp“ eine der leichtesten Übungen.

Und: 1966 hatte ein Bauer bei der Feldarbeit genau dort, wo der „Tiefenbach“ in den „Mühlengraben“ neben der Aue mündet, den Leichnam eines deutschen Soldaten gefunden, in voller Bewaffnung und Ausrüstung! Kein „Flüchtender“ also!

Wieder sorgte Heinrich Ebeling für die Bergung des Leichnams.  

Im Garten des Grundstückes „FAHRENPLATZ 47, Ebeling“, also gleich unterhalb des erwähnten Munitionsdepots, stieß man jedes Jahr, besonders bei der Kartoffelernte, wieder und wieder auf Dutzende von deutschen Patronenhülsen (Kennzeichnung „P 379–S–5–38“, hochqualitativ hergestellt 1938, hier im Einsatz 1945! Noch aus Messing!), von denen ich bis heute noch zwei aufbewahrt habe. Daneben fanden sich Bündel von mir damals undefinierbaren Sprengmitteln, die jemand als „Treibsatz für Granaten“ (?) definierte (Form „wie Spaghetti“): Sie zündeten selbst ackernass explosionsartig mit heller, fauchender Flamme.

Um das Vorrücken der Alliierten auf der L-443 und über die Autobahn hin zum „Schmidtschen Steinbruch“ so lange wie nur möglich zu verzögern, hat es also deutlich heftige Feuergefechte in Abwesenheit der Bewohner gleich vor den Küchenfenstern der „Fahrenplätzer“ gegeben!  Wozu denn noch?!“

„WER?“ – Fritz Ebeling durchstreifte in der Nachkriegszeit oft das „Tiefenbach-Tal“ (neben welchem der erst in den neunziger Jahren zugeschüttete Alt-Steinbruch lag). Jene dort vorhandenen zahlreichen Granattrichter (die man als solche von „Windbruch-Wurzeln“ deutlich unterscheiden kann) kannte ich selbst noch ganz genau. Und Fritz Ebeling, der schon im Mai 1945 von seiner „Ausbildungseinheit“ in Dänemark (FANOE) „heimgekehrt“ war, behauptete wiederholt, man habe damals „INNERHALB DIESER TRICHTER“ noch intakte Waffen der dort gekämpft habenden „Elite-Einheit“ finden können. Er sah es so, dass diese „Elite-Einheiten“ die durch alliierten Beschuss in den Waldboden gesprengten Granattrichter genutzt hätten, um aus ihnen heraus die dann vorrückenden Alliierten geschützter beschießen zu können. „Sind DIE, dann, plötzlich, abgehauen?“ (War etwas „erledigt“, so dass eine derart kampfstarke, verbissene Einheit sich unter Zurücklassung der Ausrüstung jetzt schnell „in die Büsche schlug“? Und „Gefallene“ schien es DORT nicht mehr gegeben zu haben.) Einen deutschen Karabiner („immerhin“, nebst „Seitengewehr“) brachte Fritz Ebeling von dort mit – den er aber in den achtziger Jahren noch „verschwinden“ ließ.  

WARUM ausgerechnet am „Fahrenplatz“ diese Evakuierung?

Es wird erwartet, weil geplant: ein die vorrückenden Alliierten überraschendes, ein massives Feuergefecht auf der obersten Höhe der L443, also von der Höhe herab! Da sind Frauen und Kinder für die (erforderliche!) Kampf-Moral der angreifenden DEUTSCHEN Soldaten ein „störendes Element“! Angstschreie, Panik, Gerenne und Sterben in der „Feuerlinie“, das muss unbedingt „vorsorglich“ vermieden werden!

 

Wenn die Alliierten von der Höhe über Rolfshagen aus Artillerie gegen jene Einheit gleich östlich neben dem „Schmidtschen Steinbruch“ jenseits der Autobahn eingesetzt haben, dann taten sie das, weil ihnen von dort aus „schweres Feuer“ entgegen schlug! JENE EINHEIT, derart stark und gut (!) mit Angriffswaffen (Maschinengewehre, Granatwerfer, Panzerfäuste) bestückt, und das noch im April 1945! Stosstrupps aussendend, abgesichert durch vorgeschobene Munitionsdepots.

In den Gärten gar noch unzählige Schüsse abfeuernd auf einen vorrückenden Feind, damit der unter eigenen Blutopfern „so lange wie möglich abgehalten wird vom Überqueren der Autobahn zum Schmidtschen Steinbruch hin“ von Osten her… Panzer knackend!

Waren das „Verzweifelte“? Waren es Verwirrte und/oder Versprengte? (Wie jene acht nach Ende der Kampfhandlungen von Amerikanern erschossenen Offiziersschüler von der Paschenburg?) Etwa so etwas wie „Werwölfe“, Kindsköpfe? Wie man es in derzeitigen Darstellungen allzu gern glauben zu machen versucht. (Und wie es leider anderen Ortes oft auch zutrifft.)

 Wer diese, ob ihrer Feuerkraft und todeswütigen „Nibelungen-Entschlossenheit“  wahrhaftig nicht unbedeutende Einheit genau dort zu diesem Einsatz befohlen hat, der wusste genau, was es VOR DEREN UNTERGANG noch „zu bereinigen“ galt!

 WAS aus „der HÖHLE“ vorher unbedingt „noch raus“ musste, oder aber was es „da drinnen noch glatt zu entsorgen“ galt -, dann diese verängstigten „Fahrenplätzer“ Frauen und Kinder noch mal vor den „Tommies“, den „Amies“ kurz verborgen, und damit zugleich vor ihren „Augen“ verborgen, was niemals zur Sprache kommen durfte. Die Alliierten für kurze Zeit noch gebunden im Niederkämpfen der Einheit dort im „Tiefenbach-Tal“. Und dann so ein „alter SA-Mann“, der jener HÖHLE die, dem Alfred Nobel sei’s gedankt, garantierte geschichtliche „Niemals-Existenz“ verschafft, indem er mit in jedem Steinbruch vorhandenen Mitteln und seinen genauen Ortskenntnissen die Wand darüber in Sekunden zum Einsturz bringt. „Bumm!“ macht es im Krieg überall. Wie im Tal, so im Steinbruch. Schotter hier, Schotter da.

(Der Kessel jenes „vorzeitigen“ Alt-Steinbruchs ist in den achtziger Jahren „spurlos“ randvoll aufgefüllt worden. Warum? Eigenartig erscheint dabei, dass in seinem Randbereich, fast „getarnt“ möchte man sagen, aus dem Untergrund eine Serie von breiten gelben „Lüftungsschläuchen“ an die Oberfläche ragt.  Wozu ?!)

 „Wozu dieser Bericht?“

Möge dies ein zum Ziel führender Betrag sein zu der bisher noch unbeantwortet gestellten „Frage“, was die weitere Forschung nach der HÖHLE, nach den HÖHLEN im „Messingsberg“ betrifft.

Es waren 27 Frauen und Kinder vom „Fahrenplatz“ GENAU DORT DRIN, „im Steinbruch“ abgeschottet geschützt, „wie in einem Bunker“. Denn DAS können meine Großeltern nicht etwa „erfunden“ haben, in all den über Jahrzehnte hin immer wieder gleich lautend berichtet, und zudem den geographischen Details der dortigen Natur und den historischen Fakten und Umständen in derartiger Deckungsgleichheit und Detailtiefe entsprechend.

Berichtet in einer immerhin nachkriegstypischen „Verhaltenheit“ dieser ehedem Nazi-Treuen, jetzt aber fern von „Prahlerei“ und/oder „Pathos“. In „wissendem“ Ton jedoch, der zugleich dem Fragenden, dem Zuhörer zu verstehen geben soll:

„Da bohr jetzt nicht noch tiefer nach!“     

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   Nach: Hermann Kleinebenne, „Die Weser-Linie, Kriegsende 1945“:         

                        Gefechtsverband (Kampfgruppe) PICHT

 Sonntag, 08. April 1945: Erste amerikanische Panzer stehen ostwärts von Steinbergen vor dem Weg ins Auetal. Major Alfred PICHT hat seinen Gefechtsstand verlegt nach Deckbergen. Picht berät sich mit Oberleutnant Mehner über das weitere Vorgehen. Die Kampfkraft seines Verbandes wird beschrieben als „ungebrochen“. Picht entschließt sich, im Kampf weiterhin möglichst starke amerikanischen Kräfte in seinem Gebiet zu binden.

Montag, 09. April 1945: Major Picht führt aus: „Jedem Mann ist klarzumachen, dass wir in dieser augenblicklichen Lage, die auf den ersten Blick kein gewöhnliches militärisches Bild ergibt, von entscheidender Bedeutung für die Gesamtkriegsführung sind und dass die Kampfgruppe nicht gewillt ist, kampflos diesen Abschnitt dem Feinde zu übergeben.“    

Bei Tagesanbruch fährt ein „kleines Erkundungskommando“ des Divisionsgefechtsstandes der 102. US-Infanteriedivision in den Raum südlich von Buchholz. Dabei befindet sich auch der Kommandant des Gefechtsstandes, Oberstleutnant STEVE LICHENE. Man will den nächsten Divisionsgefechtsstand im Raum Bückeburg erkunden. Die offensichtlich ahnungslose Gruppe fühlt sich sicher. Sie erkundet ohne infanteristische Begleitung. An einer Straßensperre zwischen Buchholz und Steinbergen geraten sie in einen starken deutschen Hinterhalt und bekommen in den folgenden Minuten einen Vorgeschmack dessen, was die amerikanischen Verbände auf ihrem Weg in Richtung „Fahrenplatz“ erwarten wird. Ihre Fahrzeuge werden durch Feuer aus Handwaffen und Beschuss mit Granatwerfern vernichtet. Es gibt Tote und Verwundete. Die Gefangenen werden zum Sammelpunkt des Gefechtsverbandes Picht an der Westendorfer Landwehr transportiert. Einige Stunden später gerät auch der Ordonanzoffizier des Stabes der 102. US-Infanteriedivision an derselben Straßensperre in den Hinterhalt und wird ebenfalls gefangen genommen.

Panzersperren und gesprengte Wasserdurchlässe behindern den weiteren Vormarsch. Die amerikanische Infanterie-Kompanie, aufgesessen auf Kampfpanzern der A-Kompanie des Panzerbataillons 701, stehen als Bataillonsreserve zur Verfügung, können jedoch wegen der dichten Bewaldung nicht eingesetzt werden. Sie beziehen also einen Verfügungsraum in freiem und ebenem Gelände, wahrscheinlich im Raum östlich von Bernsen.

In der Nähe der Passhöhe Westendorf – Bernser Landwehr werden die angreifen den Kompanien unter Feuer genommen und niedergehalten. Die deutschen Kräfte sind GUT EINGEGRABEN! Sie heben ihre Stellungen GÜNSTIG GEWÄHLT UND GUT GETARNT. Die amerikanischen Kampfpanzer können die eigenen Infanteristen nicht unterstützen.

Dienstag, 10. April 1945: Das Gelände um den Pass von Steinbergen wird geprägt durch eine zum Teil sehr hohe Reliefenergie. Ein Netzt von kurvenreichen Verkehrswegen, Gleisverbindungen mit Brückenbauwerken sowie Gewässer mit steilen Ufern erschweren zusätzlich wie auch die überwiegend dichte Bewaldung den Einsatz von Gefechtsfahrzeugen in außerordentlicher Weise. Damit wird eine Verteidigung durch infanteristische Kräfte aus gut gewählten und ausgebauten Stellungen auch gegen einen zahlenmäßig überlegenen und mechanisierten Gegner Erfolg bringen. Auch der Einsatz von Panzerfäusten wird bei häufig zu erwartenden Kampfentfernungen von unter 50 Metern begünstigt.

Im Morgengrauen setzen die Bataillone des amerikanischen Gefechtsverbandes 406 den Angriff auf den Pass von Steinbergen fort. Aber das 3. Bataillon bleibt schon kurz nach Angriffsbeginn ostwärts des Passes im Abwehrfeuer der deutschen Verteidiger stecken. Ein Erkundungszug des 102. Aufklärungsregiments begleitet das Bataillon. Er erhält den Auftrag, Wege für eine Umgehung des Steinberger Passes durch das Waldgebiet zu erkunden. Dabei werden die Jeeps angegriffen und zerstört, die Gruppe erleidet schwere Verluste. Zwei Panzer der Bataillonsreserve wollen die Evakuierung der Verwundeten unterstützen. Beide Kampffahrzeuge werden aus kurzer Entfernung durch Panzerfaustbeschuss vernichtet. Ein daraufhin eingesetzter Jeep wird ebenfalls vernichtet, der Fahrer gefangen genommen.

Die Infanterie-Kompanie versucht mit Unterstützung durch einen Panzerzug die deutschen Verteidigungsstellungen über Rolfshagen und die Passstrasse von der Bernser Landwehr aus zu umgehen und von Westendorf her anzugreifen.

Sie liegt um 11 Uhr an der Autobahn fest und kommt keinen Meter vorwärts.

Der Umschließungsversuch ist missglückt. Die Infanterie-Kompanie zieht sich nach Rolfshagen zurück.

Um Mitternacht liegen das 2. und das 3. Bataillon des amerikanischen Gefechtsverbandes 406 (diese am westlichen Ortsrand von Steinbergen sowie ostwärts des Passes) immer noch mit den deutschen Verteidigern, welche die Steinberger Passhöhe zu halten scheinen, im Kampf.        

Mittwoch, 11. April 1945: Der amerikanische Gefechtsverband 406 hat den Auftrag, an diesem Tag den Pass von Steinbergen einzunehmen. Dazu hat die amerikanische Seite aufgrund der leidvollen Erfahrungen der Vortage gewaltige Kräfte in Stellung gebracht! So die Feldartilleriebataillone 251 und 381, Teile der Korpsartillerie, eine Granatwerferkompanie sowie Pioniere, allesamt im Raum Steinbergen: eine ansonsten ganz und gar unverhältnismäßige Masse an Kampfkraft und Menge an Soldaten! Der in den eingesetzten Granaten enthaltene Phosphorsatz soll Waldbrände verursachen. Steinbergen wird um 10:00 Uhr eingenommen.

Um 11:20 Uhr wird gemeldet, dass der Kampf um den Steinberger Pass beendet sein soll. Dem deutschen Granatwerfer-Regiment gelingt es, sich von Steinbergen aus nach Hessisch-Oldendorf abzusetzen.

Deutsche Panzernahkämpfer unter der Führung eines Oberleutnants vernichten in der Nähe der SCHAUMBURG zwei amerikanische Panzer und verzögern dadurch den Vorstoß.

Major PICHT befiehlt auf der Schaumburg die Auflösung des Gefechtsverbandes, nicht aber die Übergabe: So wird den Soldaten der Weg eröffnet, sich in Richtung Harz zu den eigenen Truppen durchzuschlagen. Major Picht selbst setzt sich mit seinem Stab von der Schaumburg ab.

Oberleutnant Mehner verschwindet zusammen mit dem Volkssturmführer RINNE und dem NSDAP-Kreisleiter DANKBAR unbemerkt von den Amerikanern über Segelhorst aus dem Kessel.

Auf der Paschenburg wird der Oberfeldwebel Heinrich GIESECKE zusammen mit sieben Offiziersanwärtern der Artillerieschule Braunschweig durch Kopfschüsse hingerichtet. (Sie hätten Handgranaten in den Taschen verborgen gehalten.)

Um 20:00 Uhr wir die Ortschaft ROHDEN noch immer von deutschen Kräften wirksam verteidigt. Erst am 12. April wird ROHDEN eingenommen.

Es wird „geschätzt“, dass sich etwa „1.000“ deutsche Soldaten erfolgreich aus dem WESERBERGLAND-KESSEL absetzen konnten.

Der Stabschef der 102. US-Infanteriedivision Oberst LYNCH beschreibt (als Apologet seiner Soldaten) die letzten Kämpfe gegen den „Gefechtsverband PICHT“ im Raum Buchholz-Steinbergen mit diesen Worten:

„Die deutschen Kräfte waren gut bewaffnet, gut ausgestatten und bereit zu kämpfen. Viele kämpften, bis sie fielen, statt sich zu ergeben. Unser 406. Infanterieregiment durchstand hier eines der blutigsten Gefechte in seiner Geschichte. (…) Ohne unterstützende Artillerie gaben sie nur Fuß um Fuß Gelände auf und hielten unerschütterlich wichtige Punkte im bewaldeten Gelände. Reichlich versorgt mit Panzerfäusten – die Soldaten führten bis zu sieben Panzerfäuste mit sich – verteidigten sie an günstigen Geländepunkten gekonnt angelegte Panzersperren und verhinderten erfolgreich den Vorstoß unserer Panzer. In einigen Widerstandsnestern weigerten sich die Soldaten, sich nach dem letzten Schuss zu ergeben, ja sogar ihre Stellungen zu verlassen. Infolgedessen musste bei vielen Gegnern vom Bajonett Gebrauch gemacht werden …“

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 Es sei auch folgendes erwähnt:

Annette Mundt, Tochter des Steinbruchdirektors Schmidt, die sich heuer als große „Heilerin“ der „HEIL KINESIOLOGIE“ vermarktet, nahm verständlicherweise immer ihren Vater gegen negative

Unterstellungen hartnäckig in Schutz.

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                                          2. Die Höhlen im Messingberg

Die Fledermaushöhle

Diese Klufthöhle wurde 1908-1910 von Bückeburger Pionieren bei der Anlage einer Geschützstellung geöffnet und auf den Namen Fledermaushöhle getauft,

die hier in großer Zahl anzutreffen waren und auch heute noch sind.

Nach mündlicher Überlieferung reizte das Loch in der Wand eines Tages einen

Sanitätssoldaten, der sie ohne Licht untersuchen wollte. Nachdem er den Höhleneingang passiert hatte, stürzte er ab und brach sich dabei ein Bein.

Nach drei Tagen hörte eine Beeren sammelnde Frau seine Hilferufe.

Sie unterrichtete die Rintelner Feuerwehr, die den Mann befreite. Bei dieser Rettungsaktionverletzte sich noch einer der Helfer und brach sich einen Arm.

Die Fledermaushöhle ist die einzige in Bückeburg katastermäßig erfasste Höhle. 1981 ist sie vermessen worden. Sie soll ca. 50 Meter lang sein und eine Tiefe von ca. 30 Metern haben. Die Höhle wird vom Großen Mausohr als Winterquartier benutzt. Im Sommer 1996 ist der Eingangsspalt mit einem Bruchstein verschlossen worden.

 Die Messingberger Tiefenhöhle

Die Messingberger Tiefenhöhle ist ebenfalls natürlich entstanden. Das kann man schon daran erkennen, dass sich im Inneren Stalaktiten befinden. Sie befindet sich auf dem Plateau des Messingsbergs direkt an einer Steinbruchwand. Sie ist die tiefste Höhle des Wesergebirges und soll schlauchmäßig weit nach

unten in den Berg hinein reichen. Die Eingangsbreite oben ist ca. 1 Meter mit vielen seitlichen Klüften Diese Ausdehnungen sind fast vollständig durch Senkungen an der Oberfläche sichtbar. Im Zuge des Ausbaus des Kammweges im Mai 1996 sind die Spalten und Kluftflächen allerdings stark verändert worden.

Die Höhle der lebensmüden Ehemänner und Verlobten

(wer kommt nur auf solche Namen?)

Die Höhle wurde 1996 entdeckt. Sie ist mit Wurzelwerk bedeckt. Man nahm allerdings einen Luftzug wahr, der bei entsprechender Temperatur zu Raureif auf den Bäumen führte. Diese Höhle ist nicht weiter erforscht worden, vermutlich ist es eine Seitenkluft der Messingberger Tiefenhöhle.

Die Kammweghöhle

Der Eingang ist mit Brombeerbüschen zugewachsen. Sie ist nur ca. 4 Meter lang. Der Erdwall, der zur Entdeckung führte, ist laut Aussage eines Forstbediensteten um 1991 entstanden. Auch diese Höhle ist vermutlich ein Ausläufer von kleineren Klüften der Messingberger Tiefenhöhle. Die Kette der Erdfälle (gesichert durch verzinkten Maschendraht) entstand vermutlich durch eine besonders breite Kluft (evtl.

auch durch größere Höhlenräume) die auf die natürliche, nach Süden zeigende Felswand des Messingsbergs zuläuft. Hier kreuzen sogar mehrere Klüfte von oft gefährlicher Tiefe den Berg.

Die EXPO-Spalten

1996 wurden durch den Steinbruchbetrieb weitere, bisher unbekannte Spalten aufgeschlossen. Diese sogenannten Expo-Spalten befinden sich ca. 80m östlich der Fledermaushöhle und bilden vermutlich eine weitere Kluft dieser Höhle. Es handelt sich dabei um zwei Spalten. Eine wurde nach ihrer Entdeckung sofort zugeschüttet. Die zweite ist einsehbar. Schätzungen gehen von einer Tiefe von 30 Metern aus.

Ob diese Höhlen natürlichen Ursprunges sind, oder aber möglicherweise mit Stollenanlagen aus dem Dritten Reich in Verbindung stehen, ist

nicht bekannt.

Autor: Gerhard Süßmann, Rinteln

















3.   „… und wenn sie morgen Anton holen?“

1943 – 1945

ein Schulmädchen erlebt die Ermordung von Zwangsarbeitern

im „Schaumburger Steinbruch Steinbergen“

 

„An einem Dienstag…“* Der Deutsche Reichkanzler erklärt in Berlin, wer als Abgeordneter aus der NSDAP austritt oder ausgeschlossen wird, verliert auf immer seinen Reichstagssitz! 1934, an diesem Dienstag, weit weg vom Schaumburger Land. Das „Staatsnotwehrgesetz“ wird beschlossen. Es wird „Politik gemacht“.

Von der Ideologie dieser Herrscher in der fernen Reichshauptstadt aber ist das Land bereits zutiefst durchdrungen. Denn ihre Wegbereiter, ihre zutiefst hörigen und willfährigen Handlanger leben und wirken bereits (mit glühender Ergriffenheit) mitten unter den Menschen, in den Städten wie in den kleinsten Ansiedelungen. Menschen, vorbereitet und empfänglich gemacht nicht zuletzt durch die Institutionen in ihrem leichtfertigen wie nicht selten vorsätzlichen Setzen von „Normen“ und Ideen, durch Schule und Kirche. Durch die Verbiegung von Geschichte, das Verfälschen und Pervertieren von Traditionen und Glauben in den Köpfen und den Herzen der Menschen, ihrer ganzen Familien.                                         (* s.: Wolfgang Borchert)

Von nun an ist ja schließlich Gesetz, dass eine „übergesetzliche Staatsnotwehr“ es „Jedermann“ zur Bürgerpflicht macht, selbst den bisher zu allen seinen Mitmenschen stets gütigen hilfsbereiten Dorfnachbarn unverzüglich seinem Henker auszuliefern.    

Am 3. Juli 1934, an diesem Dienstag wird in der zu Steinbergen gehörenden Siedlung „Fahrenplatz“ den Eheleuten Lina und Fritz Ebeling ihr erstes Kind geboren.

Außer der Hebamme sind in diesen Stunden noch eine alte Nachbarin und die Schwägerin der Gebärenden dabei. Als man der Mutter ihr Kind zeigen will und die Hebamme ihr verkündet, dass es ein Mädchen ist, soll sie immer wieder laut aufgeschrieen haben: „Nein! Nein! Das darf nicht wahr sein!“ Die anwesenden Frauen sind über diese Reaktion sehr verstört. Wieder und wieder müssen sie diese in zornigem Ton heraus gestoßenen Worte anhören, und sind fassungslos. „Das Kind ist doch gesund. Was ist denn bloß mit der Lina los?“ Auch die erfahrene Hebamme, die doch so manches schon erlebt hat, weiß im Augenblick so etwas, das so heftig andauert, nicht zu erklären. – (Die „Erklärung“ für dieses verstörte wie verstörende Gebaren speziell dieser Mutter ergibt sich zweifelsfrei aus einer familienhistorischen Gesamtschau wie aus der Analyse von später aufgefundenen Dokumenten.)    

 Die Siedlung „Fahrenplatz“ stellt damals den äußersten östlichen „Rand“ des territorialen „Fürstentums Schaumburg-Lippe“ dar, „Grenzland“ quasi, und gehört verwaltungsmäßig zum Dorf Steinbergen. Zu den drei der ältesten Häuser zählt das Ebelingsche Anwesen mit der ehemaligen Nummer 47 (die „Hausstellen“ Steinbergens waren einst gemäß der chronologischen Abfolge ihres „Errichtens“ durchnumeriert, die „47“ die zweitälteste am „Fahrenplatz“), gelegen als erstes auf der südlichen, rechten Seite der L-443 auf dem Weg von der Arensburger Kreuzung in Richtung Bernsen, gleich am Ende des Waldstreifens, dem Feld genannt „Humbreite“. Aus der Sicht der „Steinberger“ Alteingesessenen waren die „Fahrenplätzer“ – obwohl doch junge Frauen dorthin geheiratet hatten – in deren für damalige Verhältnisse weit abgelegener Ansiedlung geradezu „Exoten“, die – weil vom Steinberger florierenden „Kurbetrieb“ ganz abgeschnitten – nicht privilegierten „Hinterwäldler“, im Dorfleben, als Personen, wahrzunehmen nur bei deren Erscheinen zwecks amtlicher Besorgungen, seltener Einkäufe, oder an Sonntagen – und dann eher wenige von ihnen – in der Kirche. Die Eiferer und die Hörigen.

Die „Fahrenplätzer“ Schulkinder dagegen fielen wohl allein schon auf wegen ihrer Bekleidung, in welcher sie die Witterung des weiten Schulweges von vier Kilometern insbesondere im Winter zu bestehen hatten: Ihre Eltern zumeist auch ökonomisch emarginiert, hatten schlicht nicht die Mittel, um für festes und trockenes Schuhwerk ihrer heranwachsenden Kinder aufkommen zu können, die Jacken und Mäntel stets weitergereicht und so gut wie nur möglich geflickt, grob gestrickte Socken aus schlichter, oft wieder verwendeter Wolle. Und alle Tage früh hatten sie im Vergleich zu den Steinbergern, ihren Klassenkameradinnen und Kameraden, von zu Hause aufzubrechen, und spät kamen sie dann erst wieder heim. Vom Steinberger Lehrer Finhold, dem „Herrn Kantor!“, wurden sie traditionell durchweg als „die Russen vom Fahrenplatze“ („Farntjenplätzer“, hinter den Zigeunerlagern) angesprochen.

Die meisten der „Fahrenplätzer“ Familienväter suchten den Lebensunterhalt zu verdienen „auf der Hütte“, der „Glasfabrik Schauenstein“ oder einfacher „Heye“ in Obernkirchen, mit Fußwegen noch deutlich weiter als denen ihrer Kinder. Kaum erst vom Steinberger Herrn Pastor konfirmiert, wurden sie in der Glasfabrik in die untersten Tätigkeiten eingewöhnt, vielleicht bald „Einträger“, mit Glück und Geschick und blutigen Fingern zum „Korbmacher“. Die Frauen suchten bei den wenigen Bauern im weiteren Umfeld etwas zu verdienen bei Feldarbeit und Ernte, was aber durchweg in essbaren Naturalien ausfiel, oder manchmal auch in einer Gegenleistung der Bauern beim Pflügen ihrer kleinen Gärten daheim. Daher war die Haltung von Nutzvieh, durchweg Hausschweinen, Hühnern und seltener Ziegen, eine dringende Notwendigkeit. Um zusätzliches Futter zu beschaffen zog man oft in Feld und Flur, immer auf der Hut vor dem Steinberger „Förster“, welcher den Ertappten gnadenlos die Sicheln wegnahm, manchmal auch noch ihre Körbe zerschnitt. In der so genannten „schlechten Zeit“ fand notgedrungen das „Schwarzschlachten“ statt, und der Steinberger „Schandarm“ Schütte machte gnadenlos strenge Kontrollen und sogar Durchsuchungen, denen die bedrängten „Fahrenplätzer“ mit so manchen, oft verzweifelt neben der Wahrheit liegenden „Erklärungen“ zu begegnen suchten. Ging es doch um das tägliche Überleben in der zumeist allgegenwärtigen Not.    

 Die Schulkinder vom „Fahrenplatz“ nahmen ihren täglichen Weg nach Steinbergen seit Generationen entlang des alten Fahrweges, der damals am Südrand der „Sandbreite“ über die „Mühlenbreite“ östlich der Arensburg, dann weiter am Rand der „Schiefen Breite“, beim ehemaligen „Cafè Baumgart“ schließlich erst (heute „Am Försterkamp“) über die Bahngleise hinunter ins Dorf Steinbergen führte. Nach dem Bau der Eisenbahnlinie Rinteln-Stadthagen gingen die Kinder im Bereich „Mühlenbreite“ und „Schiefe Breite“ oben auf dem Rand der östlichen Böschung über den Bahngleisen entlang, also unmittelbar am Steinbruch direkt an den dortigen Baracken und Rampen nicht weit unterhalb der Aufsichtsbaracke vorbei.

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(Foto: die Fahrenplätzer Schulkinder auf dem Heimweg im Winter, kurz vor dem Haus „64 – Buchmeier“; Ilse Ebeling die zweite von rechts, ganz links ihr kaum ein Jahr jüngerer Cousin, der später aufs Gymnasium gehen durfte, Pfarrer der Schaumburg-Lippischen Landeskirche wurde, und zuletzt Militärpfarrer in Bückeburg war. – Es fehlt auf jeden Fall Cousine Edith, und vielleicht noch drei oder vier weitere Kinder.) 

Im Hause „Fahrenplatz 47“ wohnten zu der Zeit sechzehn (!) Personen. Ilse war von ihrer Mutter angewiesen, für wohl den größten Teil der Bewohner das Brot aus Steinbergen mitzubringen. Lina (Buchmeier) Ebeling, die sich etwas darauf einbildete, „in Bückeburg in Stellung“ gewesen zu sein, sie sah nun in ihrem Dünkel das ehedem noch von ihrer Schwiegermutter geleistete Brotbacken im irdenen alten Ofen gleich auf dem Hof als „unter ihrer Würde“ an. Und zudem wären die Brote aus dem großen alten gemauerten Backofen gleich oben hinter dem Hause „unbekömmlich“, so deklarierte sie mit ihrem von niemandem zu hinterfragenden „Bückeburgischen Wissen“ begabt, weswegen sie ihren Mann schon bald nach der Eheschließung anwies, das „Ungetüm“ umgehend abzubrechen. Was er hörig befolgte.  

 Diese Heimwege mit der Last der Brotlaibe nahm Ilse immer ganz allein: Hatte doch, was auch uns Heutigen durchaus verständlich ist, keines der „Fahrenplätzer“ Schulkinder nach Unterrichtsschluss in Steinbergen noch Lust und Geduld, mit der Ilse erst zu Bäcker „Beckmann“ zu gehen, dort den Einkauf abzuwarten, und dann auch noch den durch die Traglast bedingt so viel langsameren Trott heimwärts mit ihr mitzumachen.

Denn die anderen „Fahrenplätzer“ Schulkinder nahmen ja ihren Heimweg auf dem kürzeren, nämlich dem Weg längs der östlichen Böschung oberhalb der Bahngleise, wie oben schon beschrieben. Und damit war Ilse, wenn sie auf dem Mühlen-Pferdewagen mitfahren durfte, nämlich auf der Straße und an der Arensburg entlang, gänzlich außerhalb der Sichtweite der anderen Kinder. Mochte die Ilse doch „zu Fuß“ (so glaubten sie alle!) nach Hause kommen, wie sie wollte: Sie hatten alle Hunger, sie wollten schnell nach Hause zum Fahrenplatz.

Und sie selbst, Ilse, einerseits schämte sie sich vor den anderen Kindern, als einzige diese für ihre Gefährten doch ganz und gar niemals von ihnen allen geforderte, für sie alle so unsinnig beschwerliche Art von Besorgungen machen zu müssen. Andererseits war ihr der einsame „Gang“ aber eine dringende, allerdings darin nur momentane Beruhigung des Gewissens, denn so sah es ja niemand von den anderen, wenn der sich ihrer erbarmende „Fremdarbeiter“ „Anton“ ihr – wortlos – ein Handzeichen gab, nämlich ohne viel Aufsehen hinten auf den Pferdewagen zu klettern. Den ganzen langen Weg im Dorf aufwärts – manchmal kam Anton her vom Stellmacher Möller, vom Bahnhof oder von der Schmiede – dann ganz an der Arensburg entlang, an der Schlingmühle wieder die so sehr lange und leicht ansteigende Straße am „Schönebusch“ vorbei. Wenn dann die Abzweigung nach links zur „Arensburger Papiermühle“ erreicht war, sprang Ilse ohne eine Aufforderung durch Anton abwarten zu müssen ab, nahm ihre Brotlast, und bog gleich rechts bei „Meiers“ auf den kleinen schmalen Waldpfad, rechts neben der Straße im Verborgenen ganz bis gen ihrem Elternhaus verlaufend: Ungesehen hier!

Und spätestens dann meldete sich die andere, die entgegengesetzte, die widerstreitende Stimme des Gewissens! Die Mutter daheim weiß es wohl, wie lange ihre Tochter mit den Brotlaiben bepackt für den Weg zu brauchen hat. Zu früh ankommen, und nicht offenkundig „rechtschaffen müde“, nämlich ausgelaugt vom schleppenden Wege. „Oh Gott!“ So darf sie der Mutter nicht unter die strengen Augen treten. Das Verhör wäre niederschmetternd, die niederschmetternden Folgen in ihrer kindlichen Erwartungshaltung geradezu vernichtend! „Ich müsste lügen!“

Hat Ilse doch verstoßen gegen das „Gebot“. Hat sie sich doch versündigt an ihrem Elternhaus, indem sie sich von einem dieser „bösen Untermenschen“, einem „Pollacken“ Anton hat heimfahren lassen! Ja, „Schuld“ hatte sie auf sich geladen! Und heute schon wieder! Wie wollte sie diese „Schuld“ jemals sühnen können? Wer in dieser Welt hätte ihr denn noch „Vergebung“ spenden können? Der Vater nicht, und sie las wieder und wieder seine „Briefe“, so gestochen, „Heilige Gebote“, Verbote ehernster Strenge, die aber auch keinen Ausweg, keine Hoffnung zuließen. Der Herr Pastor? Niemals! Sie möge sich hüten vor „bösen Menschen“! Der Mutter bedingungslos gehorsam sein! Ihr über alles berichten! Sonst wäre sie für immer und ewig verloren! (So ein „Vater-Brief“ ist hier erhalten.)  

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Dieses „Elternhaus“, in nach außen vorgetragenem Habitus eines „sauberen“ „Ordnungsdenkens“, untertänig, „deutsch“, einem „christlichen Pflichtgefühls“ ergeben, so vorbildlich solide erscheinen wollend. Den Schein wahrend nämlich von „Sorgfalt im eigenen Tun“, mit strenger Unnachgiebigkeit im Einfordern von kindlichem Gehorsam der Tochter. (Wann hat Ilse die Bigotterie, die perfide Verlogenheit, Doppelzüngigkeit wie Doppelmoral zu ahnen begonnen?!)

Sie müssen doch einen Mord, den Mord auch gar nicht als Mord sehen, sie selbst doch moralisch so unanfechtbar untadelig stehend auf der Seite des Guten – und folglich mit reinstem Gewissen. „Dann geschieht dort eben, was zu geschehen hat!“

Das junge Mädchen, die Tochter, in der so unmittelbaren wie plötzlich sie anfallenden Konfrontation mit dieser „strukturellen Gewalt“ innerhalb ihrer Lebenswirklichkeit, sie sah mit ihren eigenen Augen TAT, TÄTER und OPFER: „Täter“, die mit den engsten Bezugspersonen ihrer Welt untrennbar verwoben -, ja „eins waren“! Identisch! Und damit doch zwingend auf der Seite des allein Guten!

Die „Tat“ eine geradezu nach „Gottes Gebot“ gebotene. Das Opfer: „kein Mensch“! Alles Untermenschen, Volksschädlinge, auszumerzende Feinde. Alles „gerecht“!

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Ein vergilbtes Schreibheft aus Ilse Ebelings Volksschulzeit beinhaltet ein Diktat, welches aus der Zeit zum Ende der vierten Klasse stammen muss. Fehlerfrei in sauberster Schrift hat sie zu Papier gebracht, was der Herr Lehrer Heine den Kindern diktiert hat:

„Ihr seid ein Glied in der deutschen Schicksalskette. Sorgt dafür, dass sie stark wird,

und dass diese Kette nicht reißt, sonst endet das Leben unseres Volkes.

Es soll euch nichts furchtsam machen können auf dieser Welt.

Ihr Jungen und Mädchen könnt so werden, wie Adolf Hitler euch braucht,

um Deutschland wieder groß und frei zu machen. Ihr sollt seine treuen Helfer dabei sein.“  

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In den späten sechziger Jahren erstmals, zunächst verhalten noch, dann aber immer wieder und bildhafter wurde mir aus dem Mund meiner Mutter berichtet von erschütternden Beobachtungen, die sie selbst wiederholt hat machen müssen, von grausamen Ereignissen an ihrem täglichen Schulweg längs des „Schmidtschen Steinbruches“ zwischen der Siedlung „Fahrenplatz“ und dem Dorf.

 Die „Fahrenplätzer Kinder“ hatten, wie schon erwähnt, ihren mindestens drei, eher vier Kilometer langen Schulweg zu gehen entlang der Autobahn, damals noch in Sichtnähe, in Ruf- und Hörnähe zum „Schmidtschen Steinbruch“. Besonders die Schuljungen ermunterten die kleine Gruppe immer wieder, zur deutlichen Abkürzung des langen Weges einfach auf der Höhe des letzten, des westlichsten Hauses „Meier“ über die Autobahn zu laufen, wo ja einstmals die alte Straße nach Steinbergen verlaufen war, und deren Wegführung jenseits der Fahrbahn auf südlicher Seite zunächst auch noch für einige Zeit weiter bestand. Und dort gingen die Schulkinder nun einfach genau über das damalige, das jetzige STEINBRUCHGELÄNDE.

Meine Mutter, von Statur eher zart und schmächtig, vertraute dabei der Führung durch den robusten, knapp ein Jahr älteren Nach